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In den
Jahren 1999 und 2000 ist der Fotograf Kurt
Kaindl gemeinsam mit dem Schriftsteller Karl-Markus Gauß
viel in den Randgebieten Europas unterwegs gewesen,
um dort einige der kleinsten Nationalitäten und kulturellen Minderheiten zu
besuchen. Es handelt sich dabei um Volksgruppen,
die einen eigenen Nationalstaat weder anstreben noch errichten
und sich doch die eigene Sprache
sowie eine ausgeprägte kulturelle Eigenständigkeit zu behaupten
vermochten.
Im einzelnen haben Kaindl und Gauß die
slawische Gruppe der Sorben in Deutschland, die deutschsprachige
Gruppe der Gottscheer in Slowenien, die romanische Gruppe der
Aromunen auf dem Balkan und die vom Balkan stammenden albanischen
Arbëreshe in Süditalien besucht. Hinzu kam noch die Reise zu den
Sepharden von Sarajevo, den letzten Nachfahren jener spanischen
Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden und sich über den
ganzen Mittelmeerraum verbreitet haben und namentlich in Sarajevo
eine große Gemeinde bildeten.
Während der längeren Aufenthalte bei
diesen Völkern haben Kaindl und Gauß mit deren politischen und
kulturellen Repräsentanten gesprochen, vor allem aber den
dörflichen, städtischen Lebensraum dieser Menschen und ihre
alltägliche Kultur sowie ihre Feste und Feiertage fotografiert. Die
zeitgenössischen Fotos dokumentieren ein anderes Europa, in dem sich
uralte Volksgruppen zu behaupten suchen und dabei doch die tägliche
kulturelle Grenzüberschreitung praktizieren. Insoweit sich diese
Völker niemals auf die Enge des Nationalstaatlichen einließen, sind
paradoxerweise gerade sie, die kaum jemand kennt, nicht nur Zeugen
eines alten vergessenen Europa, sondern auch Wegbereiter eines
künftigen Europa, in dem nationale Grenzen gefallen sind und dennoch
keine Einheitskultur entstehen, sondern ethnische, religiöse,
sprachliche, kulturelle Vielfalt sich entfalten soll.
Kurt Kaindl fotografierte die Ausstellung
"Die sterbenden Europäer" im Zug dieser Reisen. Er war Begleiter des
Schriftstellers, fotografierte dessen Gesprächspartner und besuchte
mit ihm jene Orte, die für das Verständnis des Volkes wichtig sind.
Die Fotografie erlaubt darüber hinaus aber eine Vielzahl von
Beobachtungen am Wegrand, flüchtigen Eindrücken, intensiven
Portraitfotos und sorgfältig komponierten Landschaftsaufnahmen, die
die Welt der besuchten Menschen wiedergeben. Ziel der fotografischen
Arbeit war es, in poetischen schwarzweiß Aufnahmen die Kultur der
besuchten Orte und ihrer Menschen festzuhalten. Wie in der
Lebenswirklichkeit dieser Menschen wurden nicht nur Fotos der
jeweils besuchten Volksgruppe aufgenommen, sondern ihre untrennbare
Verwobenheit mit den sie umgebenden Menschen gezeigt.
Kurt Kaindl wurde 1954 in Gmunden
geboren. Er studierte Germanistik und Publizistik in Salzburg.
Parallel dazu absolvierte er eine Ausbildung als Fotograf am
Salzburg College. 1981 wurde er Gründungsmitglied der Galerie
Fotohof. Seit 1975 zeigt er Fotoausstellungen mit eigenen Arbeiten.
Kurt Kaindl hatte Lehraufträge zur Geschichte und Theorie der
Pressefotografie an den Universitäten Salzburg, München, Bamberg,
Eichstätt und der "Georgia State University" in Atlanta. Er hat
diverse Publikationen zur österreichischen Fotogeschichte verfasst.
Eigene Bildbände sind: "Innergebirg. Wege in die Tauern" (1986,
gemeinsam mit Heinz Cibulka, Text von Harald Waitzbauer),
"Wurzmühle. Industriearchäologie aus dem oberen Waldviertel" (1994,
Text von Harald Waitzbauer) und "Abfischen" (1997, Text von Hans
Eichhorn). Er ist Herausgeber der Edition Fotohof im Otto Müller
Verlag. Kurt Kaindl lebt als Fotograf und freier
Medienwissenschaftler in Salzburg.
Karl-Markus Gauß wurde 1954 in
Salzburg geboren, wo er als Autor und Herausgeber der Zeitschrift
"Literatur und Kritik" lebt. 2001 veröffentlichte er unter dem Titel
"Die sterbenden Europäer" im Zsolnay-Verlag ein Buch über die Reisen
zu den unbekannten Völkern Europas. Zuletzt erschien von ihm das
Journal "Mit mir, ohne mich".
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 Aromunen: Hochzeitsgesellschaft in
Krusevo
 Sepharden: Zerschossene Grabkapelle im jüdischen
Friedhof von Sarajevo
 Gottscheer: Bei Stari Log
 Arbereshe: Skanderberg Denkmal in Vaccarizzo
Albanese
 Sorben: In Ralbitz/Ralbicy Stillleben mit Orangen
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