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Die Sonderausstellung „Schatzgräber und
Bauforscher. Stadtarchäologie Salzburg“ stellt zum ersten Mal
in einer umfassenden Schau die Arbeit der Salzburger
Stadtarchäologie vor, die sich mittlerweile seit zwei
Jahrzehnten schwerpunktmäßig mit der Geschichte der Stadt im
Mittelalter und in der frühen Neuzeit beschäftigt. Im
Mittelpunkt der Ausstellung steht zwar das Fundmaterial,
das fast täglich bei den Grabungen ans Tageslicht tritt,
an Hand von Zeichnungen, Plänen und Fotos werden
aber auch einzelne Baubefunde vor Augen
geführt und die Bedeutung der Stadtarchäologie als Teil einer
historischen Forschung und Denkmalpflege erläutert.
Das Einschreiten der Archäologie wird im
Normalfall durch eine bestimmte Baumaßnahme ausgelöst, zum
Beispiel durch Umbau- und Sanierungsprojekte mit Kellereinbauten in geschichtsträchtigen
Häusern, oder nur durch Leitungs- und Kanalbauprojekte, da im Zuge
dieser oft unerwartet verborgene Bodendenkmale berührt und
angeschnitten werden. Und da die angetroffenen Überreste auch
jeweils für die Geschichte und Entwicklung der Stadt
bedeutungsvoll sind, obliegt es der Archäologie, die Befunde
zu dokumentieren und als Quelle für sonst nicht greifbare
historische Abläufe sicherzustellen. Gearbeitet wird dabei an
allen nur denkbaren Stellen, auf offenen Plätzen, in
Straßen-, Hof-, Garten- und Innenbereichen. Es sind aber nicht nur
die Bodendenkmale, die untertägig verborgenen Reste,
denen die Archäologie ihr Augenmerk schenkt, ihr
Interesse gilt auch bestehenden Bauten, sobald sie eine historisch
wertvolle und noch aus dem Mittelalter stammende
Bausubstanz zeigen. Mit anderen Worten heißt
dies, dass die Stadtarchäologie nicht nur im
Rahmen der Bodendenkmalpflege agiert, sondern auch zusätzliche Anstrengungen
unternimmt und diese in den Dienst von Maßnahmen stellt,
die an sich zu den Agenden der Altstadterhaltung,
der Baudenkmal- und der Stadtbildpflege gehören.
Zu den in Salzburg untersuchten Einbauten zählen allerdings verstärkt
auch Senkgruben, Zisternen und Brunnen.
Da das Gebiet
der heutigen Altstadt außerdem auf Stadt- und
Siedlungsstrukturen ruht, die bis in die römische Zeit
zurückreichen, bzw. fast jedes Gebäude, egal ob ein
Bürgerhaus, ein Palast oder eine Kirchenanlage, über einem
weit älteren „Vorgängerbau“ steht, widmet sich die
Stadtärchäologie weiterhin der schon seit langem betriebenen
Erforschung der römischen Stadt Iuvavum sowie der Entstehung und
Genese der Stadt im Frühmittelalter. Hinzu kommt, dass mit
den Arbeiten, die seit 1993/94 auf der Festung
Hohensalzburg angestellt werden, eine Tätigkeit eingesetzt
hat, die man andernorts bereits als eine selbstständige und
hochspezialisierte Disziplin der Bauarchäologie registriert.
Die Grabungen,
die nicht nur punktuell, sondern großflächig angestellt
wurden, ließen zunächst neuen Aufschluss über die Stadt in
römischer Zeit zu. Die im Toskanatrakt der Residenz, im
Kapitelhaus, im Furtwängler-Garten, in den beiden Höfen der
Neuen Residenz und am Residenzplatz durchgeführten Grabungen
ergaben jeweils eine dichte Bebauung, über die man neue Daten
zur Struktur der Stadt vom 1. bis in das 4. Jahrhundert
gewann. Iuvavum besaß zwei Siedlungsbereiche zu beiden Seiten
der Salzach, wobei sich das Zentrum an der Stelle der heutigen
Altstadt am linken Ufer der Salzach erhob. War etwa bisher
bekannt, dass dieses Zentrum aus einer Wohnstadt mit zum Teil
luxuriös ausgestatteten Villen (im heutigen Kaiviertel) und
einem Handwerkerviertel (im Bereich der Alten Universität und
im Festspielbezirk) bestand, so ist heute auch bereits ein
sicheres Urteil über deren Größe und Gliederung möglich. Die
Grenze zwischen beiden Vierteln dürfte dabei in einer Achse zu
ziehen sein, die heute von der Sigmund-Haffner-Gasse bzw. von
der Wiener-Philharmoniker-Gasse angezeigt wird. Die Verbindung
zwischen diesen beiden Bereichen war durch einzelne, in
westöstlicher Richtung verlaufende Straßen gegeben, erwähnt
sei nur die schon 1966 aufgedeckte Straße am Domplatz. In den
letzten Jahren gelang aber auch die Bestimmung zusätzlicher
Straßenzüge und kleinerer Querverbindungen, so dass sich
mittlerweile ein weitgehend regelmäßiger Raster, ein seit
claudischer Zeit gültiger und in decumani und cardines
gegliederter Bauplan erschließt. Ferner sei gesagt, dass auch
das Datum der Gründung Iuvavums, das man lange Zeit in
tiberisch-claudischer Zeit angesetzt hat, korrigiert werden
konnte. Hinweise auf eine Bebauung bereits der augusteischen
Zeit gaben ganz frühe Befunde, die im Kapitelhaus oder in der
Neuen Residenz beobachtet wurden. Vor diesem Hintergrund steht
also fest, dass heute mit einem wenn auch kleinen
Vicus argumentiert werden kann, d.h. mit einer Siedlung, die
bereits gleichzeitig mit den frühesten Anlagen der Römer
nördlich der Alpen – und damit
schon zu Beginn der Okkupation des Regnum Noricum –
ab 15 v. Chr. entstand.
Auch die
Kenntnis der früh- und hochmittelalterlichen Stadt wurde durch
die archäologische Tätigkeit der letzten zwanzig Jahre
deutlich verbessert. Unser Wissen über das frühe Salzburg wird
sich zwar auch weiterhin und gerne an den Studien orientieren,
die uns die Geschichtsforschung vorgelegt hat. Die Archäologie
trug zuletzt aber genug dazu bei, dass wir heute nicht mehr
allein auf die Auswertung von Schriftquellen angewiesen sind,
wollten wir ein Urteil über die frühmittelalterliche
Neugründung von Salzburg als Bischofsstadt fällen, die
Erhebung Salzburgs zum Erzbistum ergründen oder die
Sied-lungsgeschichte von der Spätantike bis in das hohe
Mittelalter verstehen. Die Grabungen der letzten Jahre
erbrachten den Beleg für einen unter Kaiser Valentinian I.
(364–375) errichteten Burgus auf der höchsten Stelle des
Festungsberges, sie erbrachten auch Aufschluss über ein großes
merowingerzeitliches Gräberfeld am Fuße des Berges mit
Bestattungen des 7. und 8. Jahrhunderts. Des weiteren
verhalfen sie zu neuen Einblicken in die Baugeschichte der ab
1077 von Erzbischof Gebhard (1060–1088) errichteten Festung –
erinnern wir uns hier nur an die 1994 geglückte Aufdeckung der
romanischen und einst reich mit Wandmalerei und Stuckaturen
ausgeschmückten Kirche der Burg. Weitere wichtige Daten
stellten sich zusätzlich für das im 12. Jahrhundert im Zentrum
der Stadt realisierte Bauprogramm ein, u.a. fanden sich Reste
der beiden unter Erzbischof Konrad I. (1106–1147) errichteten Klöster, nämlich vom
Stift der Augustiner-Chorherren und vom Kloster der Domfrauen. Im
Übrigen stießen wir auf Reste mit einer Porta
der stauferzeitlichen Pfalz oder auf Mauerabschnitte,
die ihrerseits für den Verlauf und die Datierung der
ältesten Salzburger Stadtbefestigung relevant sind.
Die
Untersuchungen brachten schließlich neue Einblicke in die
Bautätigkeit eines der schillerndsten Persönlichkeiten und
Erzbischöfe der Stadt, und zwar in die Bauprojekte Wolf
Dietrichs (1587–1612), dem die mittelalterliche Stadt Salzburg
ihren Umbau in eine barocke Residenzstadt verdankt. Angesichts
der Vielfalt seiner Baumaßnahmen wurde schon immer gefragt,
welche städtebaulichen Voraussetzungen denn gegeben waren, die
um 1600 zu einer völligen Neugestaltung der Stadt führten –
zur Errichtung prächtiger Residenzen, von Palästen, Schlössern
und Plätzen –, und welche Teile der mittelalterlichen Stadt
damals zerstört worden sind. Aufschluss erhielten wir auf der
einen Seite über eine Bürgerhausgruppe, die spätestens ab dem
14. Jahrhundert westlich der alten Bischofsburg lag, und
anderseits über die Bebauung östlich und nördlich des
spätromanischen Domes, wo es unter anderem den Domfriedhof oder
den Brotmarkt am Eingang ins heutige Kaiviertel gab. Eine
Dokumentation von Baubefunden ließ darüber hinaus auch die
Bestimmung von nicht uninteressanten Details in
den von Wolf Dietrich neu errichteten Bauten der Alten
und der Neuen Residenz zu.
Zum
Abschluss sei gesagt, dass das Fundmaterial für unsere Forschungen
ein unschätzbar wertvolles Archiv ist. Und dabei ein
Archiv, das uns vielleicht auch weit
leichter als schriftliche Quellen eine lebendige Begegnung mit der
Geschichte der Stadt Salzburg erlaubt.
Dr. Wilfried K. Kovacsovics
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